Michael Hauffen - Bewegung der Langsamkeit - Dokumentation

 

Die oben abgebildete Karte wurde im Juni 1994 an alle Bezieher von Einladungen zu Ausstellungen des Kulturreferats verschickt.

Zur Dokumentation der Entwicklung des Projekts folgen hier Textauszüge (1.) aus dem ursprünglichen Projektentwurf von 1993, der den Titel "Die Entdeckung der Langsamkeit" hatte, und (2.) aus einem für diese Veröffentlichung überarbeiteten Abschnitt eines für den Zeitraum der schließlichen Realisierung des Projekts repräsentativen Gedankenprotokolls. 3. schließen Bemerkungen zur Entstehung dieser Dokumentation an.

Nachdem das Projekt durchgeführt war, entstand ein Interview mit Justin Hoffmann, das unter 4. ungekürzt wiedergegeben wird (Abdruck in der SZ siehe Kopie). Außerdem entschied ich mich dafür anstatt einer konventionellen Dokumentation ein Anschluß-set an die "Bewegung der Langsamkeit" herzustellen, die allen Interessierten die Möglichkeit zu einem praktischen Erlebnis dieser Kunstform erleichtert. Diesem Anschluß-set liegt außer diverser Utensilien auch eine Gebrauchsanweisung (5.) bei.

 

1.

Aus der Diskussion der Beschleunigungstheorien ergibt sich der Verdacht, daß auch die Kunst in einem engen Zusammenhang mit der heute global betriebenen Form von Gewaltsamkeit steht, die als zunehmend beschleunigte Mobilmachung gekennzeichnet werden kann. Etwa sofern es darum geht Pionierarbeit bei der Entdeckung und Übermittlung von Einsichten in entfernte innere oder äußere Welten zu leisten, oder die Bestückung des Systems von Ausstellungsbetrieben als einem Schlüsselsegment der Freizeitkultur mit dafür brauchbaren Stoffen. Sofern man es nicht vorzieht sich vom Entsetzlichen dieser katastrofalen Verkettungen abzuwenden, bevor es uns treffen kann, stellt sich die Frage, wie es einzurichten wäre, dieser Bewegung mit Distanz zu begegnen, so daß die dabei gemachten Erfahrungen kritisch untersucht werden können im Hinblick auf ihren Simulationscharakter.

Vor allem in der Entwicklung die das Bild (Image) der KünstlerIn als Person, in jüngster Zeit genommen hat, läßt sich feststellen, daß auch die Kunst als Reservat einer ruhigeren Lebensart inzwischen eindeutig nicht mehr gelten kann (die Praxis der Vergabe von Stipendien etwa paßt sich dem entsprechend veränderten Denken nur an).

Deshalb scheint es aber jetzt auch an der Zeit, die Kultur der Langsamkeit nicht mehr nur denjenigen zu überlassen, die aus Mangel an den erforderlichen Mitteln hinter das heute normale Tempo zurückfallen, sondern einen aktiven Beitrag zu leisten, damit ein solches Lebensgefühl, wie es ein gewisser ausgestorbener Künstlertyp ausgestrahlt hat, der Gesellschaft &endash; zumindest als Surrogat &endash; in positiver Form wieder zugänglich wird.

Ein zweiter Aspekt könnte über das veränderte Raumgefühl gewonnen werden und über die Erkenntnis, daß das Wohnen an einem Ort, bzw. in dem Umkreis, den man mit seinen eigenen Füßen erreichen kann, nicht nur Fahruntüchtigen und Eingesperrten oder „unterentwickelten" ethnischen Gruppen überlassen werden sollte, sondern aktiv aufgegriffen und als Reservoir aufschlußreicher Entdeckungen mitten im Heute zurückerobert werden sollte. Ein Seitenblick sei auch auf die Tatsache geworfen, daß Reisen zunehmend als das Verschwinden dessen erfahren wird, was es sich zum Ziel setzt.

In Umkehrung des Gesetzes, daß mit zunehmender Beschleunigung das Ziel entfernter wird, läßt sich eigentlich logischerweise nur das Experiment machen, die Beschleunigung gegen Null gehen zu lassen und dann zu überprüfen, was aus dem Ziel geworden ist. Es handelt sich doch auch bei diesem Unternehmen gewissermaßen um eine Entfernung von der normalen Umgebung, die sich schnell bewegt. Der stehenbleibende wird tendenziell gar nicht mehr wahrgenommen, und bewohnt damit eine Art Insel im Strom der allgemeinen Mobilität. Sie könnte aber auch als eine Art Störung, als Unfall erscheinen, der die Aufrechterhaltung der Bewegungsnorm gefährdet. Daraus lassen sich gewisse Möglichkeiten ableiten durch den Charakter einer an dieser Stelle ansetzenden Aktion die Sinne für die uns umgebenden Täuschungen zu schärfen.

 

2.

Eine hiermit aufgegriffene Strategie von Künstlern, die Gefahr der Reduzierung von Kunstwerken auf Objekte der Selbstinszenierung einer Beschleunigungs-Techno-Logik heute zu beantworten, besteht darin, nicht nur immer mehr vermeintlich Reflexion speichernde Objekte zu produzieren, sondern diese Reflexion im sozialen Feld im Sinne etwa der "sozialen Plastik" anzuwenden, um jenen im spektakulären Kunstbetrieb zurückgedrängten Bedürfnissen des Publikums, sowie der Mehrzahl der Künstler, sich aus der strukturell vorgezeichneten Passivität bzw. dem Starsystem zu lösen, Material und Gelegenheit zu kommunikativer Entfaltung zu geben. Das bedeutet nicht zwangsläufig das eigentliche ästhetische Erleben durch außerästhetische Interessen zu ersetzen; aber nur solange das Vergnügen an Irritationen nicht einem zweckgerichteten Handeln untergeordnet wird, enthält es ein Negationspotential, das über den Bereich der Kunst als gesellschaftlichem Teilbereich hinausreicht. Gemäß dem modern-ästhetischen Anspruch die Schwierigkeit der Vermittlung heterogener Ausdrucksformen nicht zu überspielen, sondern zur Erfahrung zu bringen, muß dabei z.B. dem Wunsch, die in jeder Begegnung wesentliche Rolle der sozialen Positionskämpfe zu beschönigen, die Erfüllung strikt verweigert werden. Unter dem Leitmotiv einer "Kultur der Öffentlichkeit" bietet sich aber der provokative Versuch an, die Idee einer Ästhetisierung des städtischen Lebensraums über die Grenzen institutionalisierter Kulturstrukturen hinaus ins Vakuum des Straßenverkehrs zu projizieren. Insofern in einem so imaginierten "Spielraum" die alltäglichen Verstehenszwänge ästhetisch negiert, und die normalen Konditionierungen irritiert wären, bestünde für die einzelnen KämpferInnen die Möglichkeit zu experimentierendem, ungezwungen kooperativem, selbstironischem, usw. Umgang miteinander, und bewahrte sie vor der Gefahr der Selbstzerstörung, die sie in der Verengung ihrer Interessen nicht nur auf apathisches Ressentiment, sondern in Folge der Zurückdrängung jeder Art von Auseinandersetzung mit Anderen (Fremden) im Zuge der beschleunigten Lebensweise letztlich bedroht.

 

Langsamkeit bezeichnet demgegenüber die Utopie einer Zeitstruktur, die frei ist: sowohl von der Fixiertheit an die Idee einer beliebig beschleunigbaren linearen Bewegung, welche beispielsweise dem Menschen am Ende nur als unbewegtem, körperlosen Zuschauer am Terminal einen Platz zuweist, als auch von deren uns heute nicht weniger bedrohendem Korrelat des grassierenden Lokalismus, in den die gestressten Subjekte sich in Verkennung der Tatsachen flüchten zu können glauben. Das Bild von einer Be-wegung der Langsamkeit läßt sich demgegenüber dann u.a. als die Herausforderung zur kritischen Reflexion uns selbstverständlich scheinender Denkgewohnheiten verstehen, wofür die bisherigen Begriffe von Langsamkeit nur soviel beitragen können, daß sie uns in Erinnerung bringen, was alles im Maße der Durchsetzung des technisch-rationalen Zeitbegriffs aus unserem Leben verschwindet; während brauchbare Momente eines dessen destruktiven Charakter unterlaufenden Zeit- oder Langsamkeitsbegriffs wohl erst noch entdeckt werden müßten.

 

3.

Eine Dokumentation könnte man sich so vorstellen, daß ich die einzelnen Aussagen der Befragten hier schriftlich wiedergebe, statistische Auswertungen von bestimmten Antworten durchführe, oder auch einfach einen Erlebnisbericht liefere. Meine Intention bei der „Bewegung der Langsamkeit" war aber von anfang an nicht, als Befriediger einer auf mediale Informationsübermittlung konditionieren Neugier zu fungieren. Zunächst wollte ich, wie aus den obenstehenden Texten schon hervorgeht, gegen die Zwänge des Museums- und Galeriebetriebs revoltieren, ohne mich dabei auf eine einzigartige verkannte Individualität hin produzieren und kaprizieren zu müssen. Diese Zwänge gehen nicht nur mich an (obwohl ich vielleicht aufgrund besonderer Umstände überdurchschnittlich davon beeinträchtigt sein mag). Sie stehen in einem Zusammenhang von sozialer Asymmetrie überhaupt. In Verbindung mit diesem Gedanken steht auch die Verschiebung, die das Problem der Langsamkeit und seinen Stellenwert in meinem künstlerischen Konzept erfahren hat. Ich sehe es nicht als mein höchstes Ziel an, einer unter den Unbequemlichkeiten des technischen Lebens leidenden Minderheit zu schönen Momenten zu verhelfen, und finde es auch nicht so toll, für die konventionell vorstrukturierten Felder, in denen solche Momente erlebt werden, die Rolle des charismatischen Künstlers einzunehmen, oder mit dem entsprechenden Fetisch zu dienen. Es sei mir deshalb gestattet, daß ich das Projekt in eine Richtung zu bringen unternahm, die sich mit den Interessen schicker Galerien und Museen einmal nicht vertragen sollte. (Das bezieht sich vor allem auf das, was in dem Nebentitel „Achtung Kunst! Keine Ausstellung!" markiert wird)

Daß also zwischen den Zwängen, denen ein Künstler ausgesetzt ist, mit den Zwängen zusammenhängen, denen alle ausgesetzt sind, ist eine Einsicht, die ich versucht habe, praktisch umzusetzen, und den Rahmen der im München des Jahren 1994 konventionellen symbolischen Umgangsformen zumindest zu tangieren. Die bildende Kunst stellt für mich immer noch gegen die oben angedeuteten Tendenzen, sie in ein Kultur-Design aufzulösen, ein Gegenpotential dar, ich hatte deshalb wenig Motivation, in ein anderes Medium zu wechseln, z.B. Interview. Der Gedanke, den ich versucht habe ernst zu nehmen, ist, daß es einen Blick auf die Wirklichkeit aus der Nähe geben muß, der uns nicht nur durch Techno-Medien sondern auch durch internalisierte (aber von den Techno-Medien stark unterstützte), habituelle Strukturen stark verbaut ist, aber wegen der Komplexität der darin verwickelten Momente nicht endgültig. Und dieser Ansatz ist, meine ich in der bildenden Kunst immer noch relativ virulent. Daraus folgte, daß ich eigentlich tatsächlich nur diese Nähe angestrebt habe, und alles Technische möglichst wegzulassen versuchte.

Michael Hauffen, München, 29. Januar 1995, 11:38