Interview zur

Bewegung der Langsamkeit

 

Justin Hoffmann: Sie fragen Menschen auf der Straße, ob sie sich regelmäßig Gespräche mit Fremden vorstellen können. Ist diese Befragung eine reine Bestandsaufnahme oder will sie etwas bewirken? Glauben Sie, daß diese Aktion vielleicht zu einer Initialzündung führen könnte?

Michael Hauffen: Auch eine Bestandsaufnahme, vor allem wenn sie öffentlich passiert, bewirkt etwas; ich bin vor allem Künstler, und das heißt, ich will vor allem irritieren und starre Vorstellungen in Bewegung bringen.

J.H.: Stecken hinter Ihrer Frage nach einer möglichen Teilnahme an einer Massenausstellung ähnliche Überlegungen, wie sie dem Konzept von Joseph Beuys, "soziale Plastik" zugrundelagen? Wollen Sie mit Ihrer Aktion die gesellschaftliche Position der Kunst grundsätzlich in Frage stellen?

M.H.: Ich meine, es gibt keine feste Position der Kunst, die steht immer in Frage. Allerdings stellt sie sehr wohl ein virulentes Potential dar, ohne das auch meine Arbeit nicht denkbar wäre. Die Zukunft der Kunst sehe ich mehr in Zusammenschlüssen verschiedenster Ansätze, wobei für mich das Gefühl der Verantwortung für die ganze Gesellschaft maßgebend bleibt.

J.H.: Gab es Menschen, die zu Ihnen sagten, sie würden gerne in einer Galerie ausstellen, wenn ihnen dazu die Möglichkeit geboten würde? Wurde diese Frage nach sozialen Gruppen unterschiedlich beantwortet?

M.H.: Sicher gibt es eine ungleiche Verteilung der Zugangsmöglichkeiten zu den verschiedenen Brennpunkten öffentlicher Aufmerksamkeit; je nach sozialer Position, aber die Antworten der Leute hängen wohl auch davon ab, inwieweit sie sich den herrschenden Wertungen unterwerfen. Sobald nämlich den Befragten klar wurde, daß für mich auch allgemein als niedrig eingestufte ästhetische Fähigkeiten (z.B. ein Essen arrangieren) in Betracht kamen, entwickelte sich oft sehr schnell ein enormes Interesse.

J.H.: Was war bei Ihren Gesprächen mit Passanten das für Sie eindrucksvollste Erlebnis?

M.H.: Am meisten begeistert hat mich die Entdeckung der Möglichkeit, die Menschen auf der Straße in der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen, als Kunstwerk wahrzunehmen; mit dem man in Kontakt treten, von dem man sich zum Nachdenken anregen, aus dem man lernen kann; das einen auch zum Lachen bringt. Normalerweise sind wir dafür glaube ich nicht langsam genug.

J.H.: Was unterscheidet Ihre Vision eines gemeinsamen, von unten organisierten Feierns auf den Straßen von den offiziellen Stadtteilfesten des Kulturreferats?

Ich halte den dabei geförderten Lokalismus, vor allem dessen ausschließenden Charakter, für ein großes Hindernis in Bezug auf einen modernen Entwurf von Langsamkeit. Deshalb schlage ich hier den Begriff Bewegung vor. Könnte man z.B. nicht gerade in direkter Berührung mit den jeweils andersartigen Teilen einer Stadt sehr viel über die eigene Kultur erfahren? Das dürfte jedenfalls nicht so leicht langweilig werden.

J.H.: Wie kann ein einzelner die permanente Beschleunigung in unserer Gesellschaft bremsen? Besitzt Ihr Handeln Vorbildcharakter?

M.H.: Ich sehe meine Initiative vor allem als Anregung, und möchte sie auch nicht überbewerten. Wichtig finde ich es einen Blick für die Zusammenhänge zu gewinnen, ohne daraus vorschnell Rezepte, oder Ansprüche an andere abzuleiten. Ich glaube eine so gerichtete Praxis der Hinterfragung führt letztlich schneller zum Ziel.

J.H.: Wie kann man sich in einer Großstadt ohne technische Apparate zurechtfinden? Wie mühselig ist diese Selbstbeschränkung?

M.H.: Es ist so, daß man gelegentlich in eine Art intensiver Urlaubsstimmung verfällt, die einem so manche Mühe in einem anderen Licht erscheinen läßt. Ich kann daher dieses Experiment nur weiterempfehlen!