Rezension der Ausstellung - erschienen im Münchner Kunstmagazin UND

Kunst als Barometer der Passivität


Für gewöhnlich erhofft sich ein Maler, seine Werke würden mit Bedacht betrachtet. Erst eine längere Beschäftigung mit einem Gemälde erschließt in der Regel den tieferen Sinn der Arbeit. Nicht so das großformatige Bild von Michael Hauffen im Liftarchiv der Szuper Gallery im KVR-Gebäude. Hier geht es vielmehr darum, den Eindruck in der Flüchtigkeit eines möglichst aus dem Augenwinkel im Vorbeigehen wahrgenommenen Bildes zu erfassen. Die im Bild festgehaltene Information ist dementsprechend auf ein Minimum reduziert und ergibt bei längerer Betrachtung nicht mehr als ein Arrangement aus 150 Farbquadraten – den Pixeln einer niedrigen Bildauflösung am PC entsprechend –, das zwar an ein Gesicht erinnert, doch in einer Vereinfachung, wie sie nach einem kurzen Augenblick im Gedächtnis haften bleibt. Für das Auge also ein Portrait, das dem Abbild unzähliger Menschen entsprechen könnte, doch als digitaler Code einmalig.
Der Künstler und Soziologe Hauffen geht in seiner Arbeit noch einen Schritt weiter: er überlässt die Entscheidung über die Präsenz des Bildes im Gebäude des Kreisverwaltungsreferats den dort arbeitenden Menschen. Doch nicht etwa als Ziel einer Wahl, sondern gekoppelt an die Wahlbeteiligung dieser Abstimmung. Wählen bedeutet eine Meinung haben und sie vertreten. Aufgrund des momentanen Ergebnisses, das in der Höhe, in der der Lift mit dem Bild verharrt, ablesbar ist, kann jedoch eine deutliche Passivität konstatiert werden. Die hauseigene Wahlbeteiligung betrug bisher noch nicht einmal 4 Prozent, also weit unter 20 Prozent, was eine Verhängung des Bildes mit Stoff bedeuten würde. Bleibt es dabei, kann die Ausstellung nach drei Wochen beendet werden. Den goldenen Rahmen, der ab 50 Prozent das Bild hätte fassen sollen, wird Hauffen wohl kaum brauchen.
So zumindest die ursprüngliche Idee, die jedoch im Wahlzettel schon eine andere Idee aufführt: Nur die Ja-Stimmen zählen und bei 50 Prozent verbleibt das Bild als Schenkung im KVR. Ein Anreiz, der offenbar auch nicht imstande ist, gegen die allgemeine Gleichgültigkeit etwas auszurichten.
-palm
aus: UND - das M6uuml;nchner Kunstmagazin, Herbst/Winter 2004

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