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Text lesen: Die moderne Stadt. Filmessays zur neuen Urbanität der 1950/60er Jahre.
der Text erschien 2015 in springerin
Die moderne Stadt

Das Studium der Nachkriegsmoderne hat an Brisanz nichts verloren, da sie ein vereinfachtes Modell dafür abgibt, wie die Kombination von politischen Motiven, sozialen Voraussetzungen, sowie wirtschaftlichen und geografischen Bedingungen das Design der heutigen urbanen Wirklichkeit prägt. Die tabula-rasa-Situation der „Stunde Null” spielte eine große Rolle, man denke nur an Rotterdam, das nahezu komplett neu aufgebaut werden musste, und deshalb ungeahnte Freiheiten in Bezug auf planerischen Weitblick bot; dazu kamen aber auch der kalte Krieg, der wirtschaftliche Neustart, das Erstarken ⟨sozial-⟩demokratischer Kräfte, oder das Paradigma der mobilen Kleinfamilie.
Die Edition wurde unter dem Gesichtspunkt zusammengestellt, eine möglichst breite Vorstellung davon zu geben, wie der neue Schub in Richtung rationalisierter Planung und zukunftsorientierter Gestaltung filmisch ästhetisiert, propagiert und kritisiert wurde. So wirbt in „Für einen Platz an der Sonne” ⟨Rudi Hornecker, 1959⟩ der Architekt Ernst May für die Ideen des neuen Wohnens anhand einer Vielzahl von Beispielen, die zu diesem Zeitpunkt bereits realisiert waren und die nur bei schönem Wetter gezeigt werden.
Peter Weiss’ Dokumentarfilm „Bag de ens facader” ⟨Hinter den gleichen Fassaden, DK 1961⟩ ist zusätzlich dadurch interessant, dass er den Werdegang des bekannten Literaten erhellt. Der jüdische Emigrant hatte noch dem roten Berlin angehört, lebte aber nun in Schweden, wo er zuerst Maler und Filmemacher werden wollte, bevor er seinen literarischen Durchbruch erfuhr. Wer den Autor der „Ästhetik des Widerstands” kennt, wird sich nicht wundern, wenn hier die Lebenswirklichkeit der Bewohner_innen vor allem in Hinblick auf das emanzipatorische Potential einer Neubausiedlung durch eine lange Reihe von Interviews erkundet wird. Die Nutznießer wohlfahrtstaatlicher Förderung, deren knapp bemessener Wohnraum durch kollektive Einrichtungen aller Art kompensiert wurden, machen dabei einen kafkaesk phantasielosen Eindruck. Zwar engagieren sich einige in ihrem sozialen Umfeld, die meisten scheinen aber ziemlich isoliert zu sein und niemand kann sich etwas vorstellen, das die Grenzen dieser Normalität überschreiten würde – ausgenommen vielleicht die inoffizielle Bezeichnung „Zwischenlager” für einen alles dominierenden massiven Wohnblock.
Die Probleme der neuen Wohnsiedlungen werden auch der Allgemeinheit bald klar, so dass sich Planungsexperten mit Themen wie Vereinzelung oder Verflachung auseinanderzusetzen beginnen. Unter dem Label „Wohnzufriedenheitsforschung” wird ein Fragebogen erstellt. Teile daraus zitiert der Sprecher an einer Stelle von Herbert Veselys Film „Die Stadt” ⟨1960⟩ angesichts von Personen, die Neubauwohnungen besichtigen. Der Ton, in dem die standardisierten Fragen vorgetragen werden, entspricht ganz dem Etikett der „skeptischen Generation”, indem zwar die Absurdität der Fragen deutlich, aber keine Position bezogen wird. Tonspur und vor allem die visuelle Inszenierung erzeugen vielmehr einen poetischen Schwebezustand, in dem die moderne Stadt als Faszinosum erscheint, dessen Reichtum an zukünftigen Möglichkeiten nur erahnt werden kann. Immerhin wird in einer längeren Passage das Manifest einer „Halbstarken”-Revolte zitiert – zusammen mit Bildern von Krawallszenen, in denen sich Unzufriedenheit kollektiv manifestiert.
In „Die gemordete Stadt” ⟨BRD 1965⟩ von Manfred Durniok schlägt das Pendel schließlich ganz in die Richtung einer Klage gegen die neue Unwirtlichkeit der Städte um. Auch wenn hier manche Statements eher provokativ übertrieben wirken, und die Ablehnung des Fortschrittseifers ressentimenthaft erscheint, werden doch wesentliche Mängel der urbanistischen Neuordnung benannt. Wie sich bald herausgestellt haben wird, sind ja die vermeintlichen Defizite jener Altbauareale, von denen sich der Modernismus so heftig abgrenzt, keineswegs aus jeder Perspektive gravierend. Am Beispiel der ⟨unzureichend belichteten⟩ Hinterhöfe und der Berliner Zimmer zeigt sich schon bald, dass deren Nachteile sehr schnell in Vorzüge umschlagen können – etwa wenn Wohngemeinschaften Altbauwohnungen als neuen Lebensraum entdecken und den Abriss ganzer Stadtteile verhindern, die für Schnellstraßen geopfert werden sollten.

DIE MODERNE STADT, Hrsg: Ralph Eue, Florian Wüst . DVD, s/w, 177 Min. Mit Untertiteln in dt, engl, frz, span., 19 Euro.