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der Text erschien 2016 in springerin
Dual-Use – Franz Wanner
PLATFORM, München
3. – 28. Oktober 2015

Technoider Ambient-Sound und künstliche Lichtblasen im halbdunklen Raum erzeugen schon einen dystopischen Vorgeschmack, bevor man sich auf die 5 Monitore mit Videoloops einlässt, die in der Mitte des Raums auf einem großen kreisrunden Tisch radial angeordnet sind. Eine Broschüre erklärt den Begriff „Dual-Use” als eine Art Tarnbezeichnung für Kriegstechnologie und bestätigt den ersten Eindruck, der sich in den Videos fortsetzt.
Franz Wanner ist auf das Thema im Zusammenhang mit Recherchen gestoßen, die er der kleinen Stadt Tölz widmete, weil er über deren beispielhafte Entwicklung im Kraftfeld zwischen Tradition, Technologie und Vermarktung stolperte.
Vor der Ära der Kühltechnik war Tölz noch auf Bierbrauerei spezialisiert ⟨wegen hier vorhandener kühler Lagerstätten⟩, hat sich nach dem Wegfall dieses Standortvorteils auf der Basis jodhaltiger Quellen zum Kurort entwickelt, und nachdem auch deren Heilwirkung medizinisch überholt war, das vorhandene Image touristisch genutzt und seine wirtschaftliche Ausrichtung mit der Ansiedlung von High-Tech-Industrie abgerundet. Letztere hat allerdings den Haken, dass vorwiegend Rüstungsgüter produziert werden, was nicht nur eine Voralpenidylle beschädigen kann. Denn auch wenn auf den maßgeblichen Ebenen politischer Macht die Themen Abrüstung und Deeskalation nur vorübergehend von Bedeutung gewesen zu sein scheinen, steht doch die Drohung von Protest, Imageverlust oder politischer Ausgrenzung im Raum. Auch deshalb spielt sich der Krieg heute maßgeblich in den Medien ab, und Wanners Videoarbeiten setzen genau dabei an. „Global Cocktail” portraitiert den Leiter des High-Tech-Unternehmens, das sich in Tölz angesiedelt hat – und wie sich zeigt, fehlt es diesem nicht an Begeisterung für die Profitabilität seiner Produkte, von denen er bedenkenlos einräumt, dass sie für Kampfjets benötigt werden. Sorgen bereitet ihm offenbar nur, dass es Leute gibt, bei denen solche Erfolgsmodelle auf entschiedenen Widerstand stoßen, immerhin kann er sich aber auf „Dual-Use” berufen, also darauf, dass man seine Produkte theoretisch auch friedlich nutzen könnte. Wanner interessiert sich nun für die verschiedenen Taktiken, die derartige Lebensmodelle gegen innere und äußere Zweifel immunisieren, also allgemein, wie es Teilnehmern einer globalen Kommunikation gelingt, ihre Beobachtung gefährlicher Entwicklungen, in die sie zweifellos involviert sind, derart zu verarbeiten, dass dabei die selbstbewusste Behauptung individueller Ansprüche aufrechterhalten werden kann.
Mit Bourdieu könnte man von sozialer Magie sprechen, wenn Wanner in einem anderen Video ein Filmzitat aus den 50er Jahren präsentiert, das die düstere Stimmung des kalten Krieges und seines Overkill-Bewusstseins mit einem pseudowissenschaftlichen Experiment in Erhabenheit zu verwandeln sucht. Der Tisch und die zwei Stühle im Video scheinen in einem Wohnzimmer zu stehen, aber sie befinden sich auf einer rotierenden Bühne, ihr Alltagscharakter ist also einer anderen Realität unterworfen, die sich auf das Geschehen auf dem Tisch auswirkt, aber innerhalb seines Horizonts rätselhaft bleibt.
Diese Konstellation bildet eine Art Schlüssel für weitere Portraits, in denen Akteure aus unserer heutigen Gegenwart auftreten. Inwieweit ihnen ihre Taktiken oder ihre „magischen” Tricks bewusst sind, lässt sich gar nicht so leicht beantworten, auf jeden Fall lassen sie sich von einem Wissen um die Gefahrenpotentiale, mit denen sie hantieren, wenig anmerken. Der Wissenschaftler der ehrwürdigen Ludwig-Maximilians-Unversität München, spricht von seinem Stolz, mit Unterstützung der größten Armee unseres Planeten nach neuen Sprengstoffen forschen zu können. Und unter dem Titel „Kampfmodell” wird eine Drohnen-Pilotin präsentiert, die sich parallel als Fotomodell betätigt und somit den ultimativen Sex-Appeal tödlicher Desktop-Aktivitäten verkörpert. Wanner fügt den Aufnahmen einen Regenvorhang hinzu, der sowohl die Show als auch die Drohnen ihrer Wirksamkeit beraubt – letztere können nämlich nur bei klarem Himmel operieren. Insgesamt legt es die Installation auf eine präzise Beobachtung der Anstrengungen an, ein homogenes Weltbild mit allen Mitteln zu verteidigen, und lässt dessen schwer leugbare Unmöglichkeit spürbar werden. Ein medienkritischer Medienraum sorgt also durch seine anspielungsreiche Szenerie und mit seinen subtilen, aber gut fundierten Zweifeln für einen supplementären Gebrauch der verwendeten Mittel.