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der Text erschien 2008 in Katalogtext
Subjekte betrachten Zeichnungen

Bei einer Vernissage stehen Menschen im Raum. Auf den Videoscreens mit animierten Zeichnungen sind ebenfalls Gruppen von menschlichen Figuren zu sehen. Die Menschen bewegen sich, verschiedene Personen bilden wechselnde Konstellationen wie Fragmente in einem Kaleidoskop. Die gezeichneten Figuren bewegen sich ebenfalls, sie bewegen sich allerdings in einem anderen Raum, aufgrund anderer Voraussetzungen. Man kann Parallelen ziehen: Die Bewegungen, die möglichen Begegnungen, Gesten, Worte sind innerhalb bestimmter Regeln frei, können überraschen oder bestätigen, was man erwartet hat. Die gezeichneten Figuren sind abstrakt, mit ihrem minimalen Aufwand an Linien stellen sie bloße Andeutungen, allenfalls Typen von Personen dar. Sie begeben sich nicht in die Tiefen der existentiellen Logik sozialer Positionen und kommunikativer Komplikationen, auch wenn sie Derartiges rudimentär in Szene setzen. Sie bleiben zunächst oberflächlich, lassen es bei Anspielungen bewenden und lösen die Verbindung zur Realität umstandslos wieder auf, um ihrer eigenen Logik zu folgen.

Ihre Basis haben die Linien in der weißen Fläche. In deren Seinsmodus ist alles erlaubt. Die Linien müssen nicht Körper oder Dinge nachzeichnen, sie können spontan kreisen, vibrieren oder schwingen, sie können wild, grob, zart oder bizarr sein. Sie können Strukturen bilden, die chaotisch sind, oder geordnete Muster bilden. Sie können aber auch zum Zeichen werden: ein bloßer Fahrer kann zum Umriss eines Kopfes oder ein Kringel zur Prothese eines unvollständigen Wesens werden. In serieller Wiederholung können sie sich sogar Zeichensystemen oder Schriftzeichen annähern, und Bedeutungen suggerieren, deren Schlüssel man nicht kennt. Aber egal, was sie tun, sie bleiben unbestimmt, bleiben bei keiner Konvention hängen. Sie stellen Phantasieprodukte im Werden dar, und ihr Reichtum scheint unbegrenzt, auch wenn sie einem bestimmten Stilprinzip gehochen. Ihre Vielfalt wird durch die weiße Fläche getragen, und in allen Figuren, die sie bevölkern, spürt man den Wunsch, dieses Weiß als Raum der freien Imagination gründlich zu genießen.

Die Leute im Raum fühlen sich vom Betrachten dieser Vorgänge angeregt. Sie fühlen sich angesprochen als freie Wesen, die ebenfalls mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln der Sprache oder der Gesten experimentieren können, und die dabei ebenfalls die Grenzen ihrer Äußerungsmöglichkeiten vor dem Hintergrund vorausgesetzter Offenheit sehen. Das respektvoll behandelte Weiß der ausgestellten oder projizierten Zeichenflächen erinnert sie an jene Grundlage ihrer sozialen Existenz, die sich allen Versuchen, sie in Worten oder Bildern festzuhalten, immer wieder entzieht – spannende Herausforderung und Quelle der Unzufriedenheit zugleich. Und genau diese prekäre Situation scheint hier angesprochen zu werden, wobei sich die gezeichneten Elemente zwischen Bild und Zeichen pendelnd auf die Frage danach einzulassen scheinen, was man dabei immer schon voraussetzen muss, und worauf man schließlich sein Vertrauen gründen soll – also auf die Kommunikation des Unkommunizierbaren.

Es handelt sich nicht um ein konsumierbares Ereignis. Es geht aber auch nicht darum, in Aktivismus zu verfallen. Es genügt vorerst zu realisieren, dass auch die anderen durch diese Bilder beeindruckbar sind. Man weiß nicht genau, was sich in ihren Köpfen abspielt. Was zu sehen ist, kann Vieles bedeuten. Ist es womöglich nur modischer Effekt, technische Faszination oder originelle Dekoration? Oder ist das Gekritzel nur wirres Zeug, oder sind Zeichen bloß leere Wiederholung von Bekanntem? Dann wären die Erwartung einer Reflexion kommunikativer Strukturen oder die Hoffnung, dass hier eine konkretere Verbindung gestiftet würde, allerdings enttäuscht. Aber diese Frage und die damit verbundene Unsicherheit sind eben auch Teil des Problems, sie tauchen auf, weil die Möglichkeit der Täuschung und der Verführung hier eine Rolle spielen. Und wie in der Erfahrung der Unsicherheit von Bildern, Zeichen oder Worten, die womöglich weder die Welt noch eine besondere Situation wirklich erklären können, führt kein direkter Weg zur Wahrheit.

Als ob sie das zum Ausdruck bringen möchten, lösen sich die Formen, die die Linien umreißen, und die Zeichen, die man darin zu erkennen meint, immer wieder auf. Die Figuren gehen ineinander über, verschmelzen und verschränken sich, und bilden dabei weitere flüchtige Formen, die nur im Dazwischen, ohne wirklichen Status, existieren, und schon bald von weiteren Formen wieder verdrängt werden. Sogar die angedeuteten Augen der Gestalten reihen sich in eine Serie von bloßen Punkten ein, und evozieren das Gefühl anonymer Blindheit.

In den Animationen verschmilzt die weiße Fläche zudem mit einem musikalischen Teppich, der das Gefühl einer nur relativen Bedeutung des Sichtbaren verstärkt. Die entstehenden und sich bewegenden Formen können als bloßer Ausdruck der zugrundeliegenden Töne gelesen werden. Der Rhythmus erzeugt Spuren, die wie Kraftlinien mögliche Gestalten in Raum und Zeit markieren. Was dabei entsteht, ist zumeist asymmetrisch oder exzentrisch, und reflektiert das unkontrollierte Zusammentreffen von heterogenen Ebenen in komplexen Welten. Der Rhythmus erinnert aber die Anwesenden auch an ihre Körper, an ihre gemeinsame Präsenz, die sich tanzend oder durch Kontakt manifestieren könnte. Die Situation ist offen und unklar – sie ist bezeichnend für unsere moderne Gesellschaft. Daran ändert auch die irgendwann auftauchende historisch frühere Ordnung von Mandalas nichts: die gleichen Gestalten drehen sich dabei in symmetrischer Anordnung um ein Zentrum und bilden durch diese Formation einen kleinen Gegenpol zum drohenden Absturz ins reine Chaos. Der Wunsch nach regelmäßiger Ordnung und die meditative Beschwörung ursprünglicher Einheit, die sich hierin äußert, mag regressiv sein, driftet jedoch nicht in die übliche esoterische oder folkloristische Verklärung ab.

Aber konzentrieren sich die Wünsche nach Befreiung von den normalen Stressfaktoren nicht vor allem auf den Sex? Ist es also nicht vor allem die geschlechtliche Polarität, und der daraus resultierende Geschlechtstrieb, der uns über uns hinaus führt? Die Antwort auf diese Frage gibt Maria Ploskow mit der Animation „Remarks on Sex”, wo sie die Thematik ganz ohne Umschweife angeht. Die Betrachter sehen sich mit Figuren in „eindeutigen” Stellungen konfrontiert. Auch wenn die Bewegungen stark stilisiert bleiben, handelt es sich um Kopulationsbewegungen. Andererseits bleiben es Schemen mit vager geschlechtlicher Zuordnung, und sie zeigen und vermitteln keine wirkliche Erregung. Die Tonspur verarbeitet zudem einschlägige literarische Zitate aus Hochkultur und Pop zu einer nüchtern-ironischen Collage, die zwar musikalisch untermalt ist, aber jede Form des Überschwangs vermeidet. Die verschiedenen Stimmen bilden einen traumartigen Assoziationsraum, es findet ein virtuelles Gespräch statt, das zwar in seinem ernsten Vortrag die fundamentale Bedeutung der reflektierten Erfahrungen für die darüber nachdenkenden Subjekte erkennen lässt, aber auch das Bewusstsein davon unterstreicht, dass sie sich in diesem symbolischen Raum nur an-, aber nicht aussprechen lassen. So entsteht ein poetisches Netzwerk von fragmentarischen Gedanken, die analog zu den Zeichnungen einen leeren Ort umkreisen, während die sie tragenden Stimmen zu Musik werden. Im Gegenzug beginnen die Körperformen sich mit Ornamenten zu füllen, sich zu überlagern und sich schließlich wieder in einem reinen Fluss schwarzer und weißer Formen aufzulösen.

Die Betrachter fühlen sich an Drogenerfahrungen erinnert, oder an Trance-ähnliche Zustände, aber etwas sperrt sich auch dagegen, bis sie immer klarer zu verstehen meinen: Diese weisse Fläche, auf der sich das alles abspielt, ist gar nicht glatt und einfach. Sie ist kein buddhistisches Nirwana und kein geschichtsloser beliebiger Raum. Sie deckt vielmehr etwas zu; in ihr verbergen sich wie in einem zweidimensionalen Nebel verdrängte und verworrene Konflikte. Es handelt sich bei diesem Ort bereits um das Ergebnis einer besonderen Anstrengung, um die Projektion eines Bewusstseins, das versucht, sich aus einer tiefen Gespaltenheit herauszuarbeiten. Und so wie der Sex womöglich auf eine nicht auflösbare ödipale Verstrickung oder dergleichen verweist, so verweisen die Striche mit ihrem ungebrochenen Schwarz womöglich auf Verwundungen, Schnitte und Brüche oder dergleichen. Der reine, unversehrte Zustand ist dagegen bloße Fiktion und das Ergebnis einer konstruktiven Leistung. Er muss durch die Figuren, die sich in ihn einschreiben, erst noch affirmiert werden. Dies alles bedeutet: es wird hier dringend nach einer Lösung gesucht, und man muss die Unmöglichkeit dieser Lösung als Chance begreifen. Manchmal gelingt das für einen Augenblick. Manchmal hält eine Zeichnung einen gelungenen Moment fest, auch wenn er nicht von Dauer sein kann. Manchmal kann man das im Betrachten der Zeichnungen nachvollziehen. Manchmal kann man über alles lachen oder weinen.

Die Serie der Linien und Figuren und ihrer wechselnden Konstellationen endet jedenfalls nicht. Über Sex hat man womöglich immer noch ausschließlich falsch nachgedacht. Man sollte aber die Hoffnung nicht aufgeben. Gefährlich wäre es, wenn man sich einbildete, die Wahrheit zu kennen, ein Programm für das Glück gefunden zu haben, das zum Zwang werden muss, oder eine fixe Idee, die für andere Gelegenheiten blind macht. Den Besuchern dieser Ausstellung bleibt jedenfalls der Trost, dass sie das Unentwirrbare ihrer Gefühle und Gedanken dargestellt finden, ohne davon überwältigt oder geblendet zu werden. Die Sprache dieser Kunst ist deutlich, auch in ihrer Selbstbegrenzung. Und sie bezeugt die immer wieder aufkommende Lust, weiter mit ihren Grenzen zu spielen, sie zu beobachten, zu überschreiten und zu reorganisieren. Das sollte man feiern.