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Text lesen: Ulrich Genth / Heike Mutter: Prekärer Stand.
der Text erschien 2010 in Katalogtext
Ulrich Genth / Heike Mutter
Prekärer Stand
Die Balance zwischen Bequemlichkeit und Anstrengung

Wie ein gestrandetes Vergnügungsschiff wirkt der Imbisstand der Künstler Heike Mutter und Ulrich Genth, wobei die transparente Optik des Aufbaus noch durch zwei große rote Wimpel getoppt wird. Und die weisen nicht nur markant auf eine nonchalante Konstruktion hin, sondern machen auch die dezenten Schwankungen, denen das Modul aus Holz und Stahl unterworfen ist, sobald es ein neuer Gast betritt, weithin sichtbar. Grund dafür sind die großen gebogenen Kufen, auf denen das Ganze steht, bzw. wie ein Schaukelstuhl wackelt.
Die meisten der anderen Imbissstände, gerade hier in Mexiko-City, sind dagegen eher darum bemüht, sich wenigstens einen minimalen Anschein von Stabilität zu geben. Allerdings entspricht dem wenig Realität, da sie sich mehr oder weniger am Rande der Legalität aufhalten, und von den Behörden nur geduldet werden. Umso deutlicher gehen die Künstler mit ihrem Konzept in die Offensive und verwenden ihre ganze Intelligenz darauf den prekären Status herauszustellen.
Allgemein gesprochen handelt es sich dabei um einen subtilen Versuch der Unterbrechung einer von der Traumvision stabiler Lebensbedingungen gefangenen Ideologie, die uns davor bewahrt, den drohenden Gefahren der Menschheit ins Gesicht sehen zu müssen. Im Zusammenhang mit dem Projekt „Residual” konzentriert sich die Botschaft auf den Fast-Food-Charakter einer Kultur, die bedenkenlos riesige Mengen an Kunststoffverpackungen, die die Umwelt über Jahrhunderte belasten werden, für einen zeitsparenden Imbiss in Kauf nimmt.
Dieser schlechten Angewohnheit macht der „Prekäre Stand” nicht nur durch seinen wackligen Boden und die damit verbundene gesteigerte Aufmerksamkeit für jeden neuen Gast und seine spontanen Bemühungen um schnellstmögliche Renormalisierung der Situation einen Strich durch die Rechnung. Mutter/Gent bieten auch umweltverträgliche Teller, Tassen und Verpackungen an. Ihre Recherchen bestätigten zudem, dass ähnliche Produkte in Mexiko kaum angeboten werden. Vielmehr werden neben einer ganzen Reihe anderer Plastikverpackungen solche aus problematischen Stoffen wie beispielsweise Polystyrol – besser bekannt als „Styropor”– auf den beiden wichtigsten Märkten Mercado de la Merced und Central de Abasto täglich in großen Mengen an die Betreiber von Imbissständen verkauft.
Am Müllproblem der Stadt hat der Straßenverkauf also einen nicht unwesentlichen Anteil. Die Betreiber der Stände können aber dafür nicht alleine verantwortlich gemacht werden, steht doch ihre Leistung einer selbstorganisierten Infrastruktur, die sie mit vielen anderen Gewerbetreibenden in diesem Bereich teilen, auf einer sehr wackeligen ökonomischen Grundlage.
Dagegen verdienten die gesetzlichen Bestimmungen über die Verwendung verschiedener Kunststoffe mehr Aufmerksamkeit. Sie sind von Land zu Land sehr unterschiedlich und basieren auf einer Abwägung verschiedener Kriterien wie Produkteigenschaften, Wiederverwendbarkeit, der Erforschung ihrer gesundheitsschädigenden Wirkungen aber auch auf der Interessensvertretung der produzierenden Industrie.
Welche Richtung eingeschlagen werden müsste, ist für die beiden Künstler klar. Sie nutzen daher ihr Verkaufsmodul schon einmal, um die Betreiber von lokalen Imbissständen einzuladen, ihre Produkte darin in umweltverträglichen Verpackungen anzubieten. An wechselnden Standorten innerhalb des Bezirks Cuauhtémoc wird für wechselnde Betreiber jeweils ein individuelles Verkaufskonzept mit umweltverträglichen Materialien erarbeitet und die Händler mit neuen Möglichkeiten vertraut gemacht. Die gewonnenen Erfahrungen werden beim Verkauf an den Kunden weitergegeben.
Außerdem werden aus dem gesamten Erfahrungsprozess wichtige Erkenntnisse über Servier- und Verpackungsgewohnheiten gewonnen, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern langfristig darauf abzielen, lokale Möglichkeiten der Herstellung und des Vertriebs von biologisch abbaubaren Lebensmittelverpackungen in Mexiko zu etablieren. Die Verwendung von erneuerbaren natürlichen Rohstoffen, vorzugsweise aus lokalen Abfallprodukten wie z.B. Resten aus der Mais- oder Zuckerrohrherstellung, würde hierbei die Basis sein.
Am Stand wird zu all dem Informationsmaterial angeboten. Als umfassendes Erfahrungs-, Informations- und Diskussionszentrum für ökologische Fragen stellt er damit den Knotenpunkt einer konzertierten Anstrengung dar, die schwankenden Grundlagen unserer Biosphäre wieder in eine lebensfähige Balance zu bekommen.