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der Text erschien 2016 in KUNSTFORUM
Mystic Transport Modernity

Interview mit Gülsün Karamustafa

In kaum einer wichtigen Biennale der letzten zehn Jahre hat Gülsün Karamustafa gefehlt, die damit heute womöglich als die wichtigste Künstlerin der Türkei gelten kann. Mit ihren thematischen Installationen hat sie nicht nur die Aufmerksamkeit auf vermeintliche Nebenschauplätze der Globalisierung gerichtet, sondern auch dem Politischen in äußerst sinnfälliger Weise Ausdruck gegeben. Ihr Hauptaugenmerk ist auf alltagskulturelle Brennpunkte gerichtet, in denen sich traumatische Erfahrungen, aber auch unerwartet kreative Potentiale abzeichnen, was viel Spielraum für Assoziationen schafft. Mit ihrer Mischung aus spontaner Einfühlung und durchdachter Inszenierung ist sie denn auch zum Vorbild einer jüngeren Generation von KünstlerInnen avanciert.
Trotz ihres Erfolges blieb sie der Stadt Istanbul treu – nicht zuletzt weil sie dieser historische und dynamische Knotenpunkt bis heute beeindruckt. Mit ihren anspielungsreichen Einblicken in die Licht- und Schattenseiten unserer modernen Welt wirken ihre Arbeiten wie Prismen, die jeweils einen thematischen Fokus in seine Facetten zerlegen – etwa wenn sie in „Modernity Unveiled” ⟨2011⟩ mit der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die auf der Flucht vor den Nazis 1938 Aufnahme und eine Anstellung in Istanbul erhielt, eine Phase der wechselvollen Beziehungen zwischen Mitteleuropa und der Türkei rekonstruiert.
Mittlerweile müssen wir zusehen, wie in der Türkei in kurzer Zeit zahlreiche Intellektuelle und Schauspieler entlassen wurden, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, und es erscheint daher als trauriger Vorteil, dass die Kunstszene von Anfang an auf private Initiativen bauen musste – doch auch wenn sie deshalb etwas weniger im Fokus nationaler Gesinnungskontrolle steht, ist ihre Lage erkennbar angespannt.
Umso erfreulicher ist es, dass der Hamburger Bahnhof gerade jetzt der Künstlerin eine große Retrospektive gewidmet hat. Die Ausstellung umfasst 110 Arbeiten aus der Zeit von 1970 bis heute und bietet, zusammen mit dem umfangreichen Katalog, die Gelegenheit, sich einem bedeutenden Projekt solidarischen Engagements zuzuwenden.

Michael Hauffen: Du nennst es einmal eine kluge Methode, verschiedene historische Ebenen zu überlagern, um sich ein brauchbares Bild der Gegenwart zu machen. In deiner Ausstellung im Hamburger Bahnhof wendest du diese Methode auch auf dein eigenes Werk an.

Gülsün Karamustafa: Das hängt wohl damit zusammen, dass meine Einstellung zum Leben schon immer die einer Geschichtenerzählerin war. Ich beginne jedes Werk mit einem Bezug auf das konkrete Leben, seien es historische Dinge, seien es eigene Erfahrungen, und aus diesem jeweiligen Kontext heraus entwickle ich dann das, was ich meine Erzählung nennen würde. Von Beginn an habe ich deshalb, auch rückblickend, nach Ereignissen Ausschau gehalten, die mich inspirieren könnten. Das können Momente sein, die sehr heftig direkt aus meiner Umgebung auf mich einwirkten, oder aber auch Momente, auf die ich stoße, wenn ich mich mit der Geschichte beschäftige, und die mir besonders aufschlussreich erscheinen.

M.H.: Die Mehrzahl deiner Gemälde ist in den 1970ern und 80ern entstanden, danach hast du dich gänzlich anderen Medien zugewandt und bist erst viel später wieder auf die Malerei zurückgekommen. In deinen späten Gemälden spielst du sehr deutlich auf eine Kunstepoche an, die noch von einer religiösen Funktion bestimmt ist, allerdings tust du das mit einer offensichtlichen Unbefangenheit, die eine diesseitige Utopie zu intendieren scheint. Kann man diese Bilder als Produkt eines Ringens um Hoffnung in Zeiten apokalyptischer Bedrohungen lesen?

G. K.: Mein biografischer Ausgangspunkt war das Studium der Malerei an der Kunstakademie in den 1960er Jahren. Die zu dieser Zeit vorherrschenden Positionen der abstrakten Malerei interessierten mich allerdings wenig. Ich begab mich daher auf die Suche nach einer anderen Sprache, die mehr mit meinen Erfahrungen zu tun hätte. So kam ich zu diesem figurativen Ansatz. Das Geschichtenerzählen hatte da immer eine große Bedeutung. Es ging aber auch um die adäquate Form, die Dinge zu erzählen. Irgendwann befriedigte mich das gemalte Bild nicht mehr, ich ging zu Collagen über, landete aber schließlich bei Arbeiten mit den Objekten und Materialien selbst. Die Passage von gemalten Bildern zu Collagen und Installationen war also kein Bruch, sondern vollkommen organisch. Das alles ging sehr langsam vonstatten, es war ein sanfter Übergang zu den Dingen selbst, oder zur dreidimensionalen Welt. Genauso leicht war es dann auch, wieder auf die Malerei zurückzukommen. Etwa um das Jahr 2000 – ich war damals von Installationen, Videoarbeiten und Ähnlichem vollkommen absorbiert – gab es ja eine große Debatte über das Schicksal der Malerei. Also dachte ich wieder darüber nach, auch weil mir immer klar war, dass ich ursprünglich immer noch Malerin war, und so fragte ich mich, warum ich nicht die Malerei als ein eigenständiges Projekt auf eine neue Weise umsetzen könnte. So entstanden die „Promised Paintings”, die sich auf die lange Tradition der Ikonenmalerei beziehen, womit ich in Istanbul ja quasi an der Quelle saß, und im Übrigen war für mich auch Istanbul selbst vor allem eine Art Ikone. Mit Religion haben die Bilder nichts zu tun, da ich vollkommen areligiös bin, das generelle Gefühl dabei ist das von nicht-religiöser Ikonenmalerei. Das bedeutet, dass die Malerin nur die ausführende Hand ist. Diese Idee freute und erleichterte mich und daher habe ich auch vor, dieses Projekt von Zeit zu Zeit weiterzuführen.

M.H.: Eines deiner zentralen Themen bilden die Auswirkungen der Globalisierung, also etwa Migration, Ausgrenzung und Vertreibung. Den Arbeiten gehen dabei Recherchen voraus, wobei anfangs oft Zufallsfunde eine Rolle spielen. Welchen Stellenwert hat hierbei dein Wohnsitz in Istanbul?

G. K.: Meine Familie lebt seit Generationen in Istanbul. Die jetzigen Zeiten sind nun besonders bewegt. Wenn man in einer Stadt lebt und fühlt, dass man zu ihr gehört, dann kann man diese Realitäten nicht ausblenden. So kommt es, dass alle diese Aspekte auch in meiner Arbeit auftauchen. Manche Themen spreche ich sehr direkt an, wie etwa die Folgen der Migration oder die Vertreibung von bestimmten Bewohnergruppen, beispielsweise bei der Arbeit zu jener griechischen Familie, die ihr eigenes Mietshaus zurücklassen musste. Solche gewaltsamen Vertreibungen haben seit dem 19. Jahrhundert immer wieder stattgefunden, das gehört also wesentlich zu Istanbul. Und analog gilt das für eine große Gruppe von Arbeiten, die ich den globalen Migrationsbewegungen und ihren Folgen gewidmet habe. Die Grundlage dafür ist in der Zeit entstanden, als ich keine Möglichkeit hatte, die Stadt zu verlassen, da ich viele Jahre lang keinen Pass besaß. Umso mehr sah ich mich in Istanbul um und stieß dabei auf viele interessante Dinge, die ich nach und nach verarbeitet habe. Später hätte ich genug Angebote gehabt, die Stadt zu verlassen, aber ich dachte nie daran, meinen Wohnsitz hier aufzugeben, und das gilt bis heute, obwohl ich immer öfter gedrängt wurde, das zu tun.

M. H.: Deine Sympathien gegenüber Frauen sind unverkennbar. Neben der Verteidigung ihrer Rechte und der Anprangerung ihrer Unterdrückung stellst du auch ihre Fähigkeiten und Stärken heraus. Letztlich geht es darum – und das machen dann auch deine Arbeiten zu anderen Gender-Themen deutlich – die herrschende Geschlechterordnung in Frage zu stellen und verdrängte Potentiale freizulegen.

G. K.: Erst gestern wurde ich von einer feministischen Theoretikerin ausführlich zu diesen Themen befragt, und es ist ja auch tatsächlich so, dass ich mit vielen feministischen Gruppierungen in der Türkei zusammengearbeitet habe, da das sehr wichtig ist. Als Künstlerin geht es mir jedoch weniger darum, auf einer feministischen Position zu insistieren. Diese Themen geraten in meinen Blick oder bilden einen Hintergrund für andere Themen, je nach Situation, und ich forciere das nicht. Aber ich denke, es ist deutlich erkennbar, dass meine Arbeiten immer eine Vielfalt von miteinander verbundenen Aspekten behandeln, ohne sie auf einen Gesichtspunkt zu reduzieren. Am Beispiel der Arbeit „Tailor Made” ⟨2005⟩ über diese Modenschau für Tänzerinnen kann ich das so erklären: Das Thema begegnete mir unvermittelt durch einen kleinen Zeitungsartikel. Ich ging dann spontan dorthin und fragte um Erlaubnis, Aufnahmen zu machen. In einer anderen Arbeit, „The City and the Secret Panther Fashion” von 2007, stand dagegen schon am Anfang eine bestimmte Absicht. Es ging mir um eine Stellungnahme zur Frage des Erscheinungsbildes von Frauen, das zu diesem Zeitpunkt sehr umstritten war – also was Frauen tragen sollen, und was nicht: sollen sie einen Schleier tragen, können sie damit auch in die Uni gehen, wie sieht es bei offiziellen Anlässen aus? Dazu entwickelte ich die Idee dieses fiktiven Freiraums, wo Frauen tun können, was ihnen beliebt. Die Ausführung dieses Konzepts als kleinen Videofilm mit einer Reihe von Darstellerinnen plante ich sehr genau; es sollte in allegorischer Form einen klaren feministischen Standpunkt bekräftigen und zu einer gewandelten Einstellung beitragen.

M. H.: In einer Reihe von Arbeiten und Installationen, verwendetest du dann Kitschobjekte, Stoffe und Wandteppiche. Dienten sie dir als Möglichkeit der Befreiung von der Malerei oder bildeten sie schon den Übergang zu deinen konzeptuellen und recherchebasierten Projekten?

G. K.: Kitsch verbreitete sich in Istanbul vor allem im Zusammenhang mit der enormen Dynamik, die aus der massiven Einwanderung der türkischen Landbevölkerung in die Stadt resultierte, also vor allem in den 80er Jahren. Die Buntheit und die Bedeutungslosigkeit der Motive lässt sich wohl am besten als Kompensation erklären, mit der die Leute die Auflösung ihrer dörflich-familiären Geborgenheit zu bewältigen suchten. Die plötzliche Dominanz dieser billigen Dekoration im städtischen Raum empfand ich als Herausforderung. Ich legte eine eigene Sammlung an, wobei mir zugute kam, für das Filmprojekt eines anderen Regisseurs als Requisiteurin engagiert gewesen zu sein. Die Objekte verwendete ich dann für eigene Werke. Und das ist übrigens auch ein Beispiel dafür, wie Themen in meiner Arbeit kommen und gehen, je nach dem, was mir gerade besonders auffällt. Damals traf sich das mit dem Höhepunkt dieser Zuwanderung, die aus Istanbul in kurzer Zeit eine Megalopolis mit 16 Millionen Einwohnern gemacht hat.

M. H.: Deine gesamte Biografie ist bestimmt durch die Idee freiheitlicher Werte und die Solidarität mit den Unterdrückten. Wie schätzt du die aktuelle Situation in Istanbul in Hinblick darauf ein?

G. K.: Die Spielräume verengen sich und die liberalen Werte sind starken Veränderungen unterworfen. Wir müssen zusehen, wie etwa die Çanakkale-Biennale trotz der positiven Wirkung, die sie auf diese kleine Stadt ausgeübt hatte, nun kurzfristig abgesagt werden musste. Ähnliches gilt für die Sinop-Biennale, die vorerst verschoben wurde. Das alles sind Zeichen eines grundlegenden Wandels, und es erfordert, besonders wachsam zu sein.