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Geissler | Sann volatile smile


Eine endlos lange Stellwand mit Computerbildschirmen, die zwar schwarz bleiben, aber ans Stromnetz angeschlossen sind, könnte man als plumpes ready-made missverstehen, zeichnete sich nicht auf den zweiten Blick und durch eine Reihe präzise artikulierter Referenzen eine Deutung ab, die den Bereich kunsthistorischer Reflexe überschreitet.

Bereits am Eingang wird da das unscheinbare Lächeln eines jungen Mannes präsentiert, der auf unheimliche Art verbissen wirkt. Das Portraitfoto stellt den Teilnehmer einer LAN-Party dar, der gerade als Ego-Shooter im virtuellen Raum agiert. Und mit den Augen eines solcherart in der Logik eines Spieles gefangenen Subjektes betrachtet würde die Wand mit schwarzen Bildschirmen wie die Szenerie eines Computerspiels aussehen: sie weckte dann die Erwartung von versteckten Gadgets, die schnelle Gewinnmöglichkeiten erschließen und erforderte die Bereitschaft zu rücksichtsloser Erledigung etwaiger Gegenspieler. Mit dem Gewaltpotential virtueller Szenarien und seinen kulturellen Auswirkungen setzen sich Geissler/Sann schon seit längerem auseinander. Unter dem Titel „volatile smile”, einem zweideutigen Fachbegriff aus der Analyse von Wertpapier-Kurven, stellen sie nun die Verbindung zwischen Computerkultur und der Realität der Finanzindustrie her, und behaupten indirekt eine homologe Konditionierung bei maßgeblichen Akteuren der Finanzmärkte. Im Zeitalter des High-Frequency-Tradings scheinen diese nämlich unter ähnlichen Symptomen zu leiden, wie jene, nämlich an einer manischen Konzentration auf ständig neue Informationsdaten und ihre digitale Verarbeitung in Echtzeit, die letzlich jede Bindung an materielle Welten suspendiert. Die im Katalog publizierten Fotografien von realen Arbeitsplätzen solcher Trader belegen die These auf ihre Weise. Vor allem fällt dort nämlich die völlige Abwesenheit persönlicher Gegenstände auf. Stattdessen nur Bildschirme, Tastaturen, Telefone – allenfalls eine Schachtel Kosmetiktücher und Reinigungsspray um die visuelle Schnittstellen zum Netz, die Bildschirme, vom unerwünschten Staub zu befreien.

Nach dem Abschreiten der langen Bildschirmwand – in einem Videospiel wäre das mit wenigen Klicks zu erreichen – gelangt man in den hinteren Teil der Installation, wo eine der objektiven Wirkungen unkalkulierbarer Finanztransaktionen dargestellt wird, nämlich der kurzfristige Verfall von Wohnraum. Aber auch diese fotografische Dokumentation zahlreicher plötzlich verlassener Appartements in Chicago, weist eine Eigenart auf, die der Welt der Computerspiele entlehnt ist: Die Aufnahmen wurden jeweils paarweise derart montiert, dass sie einen dritten Raum konstruieren, der ihre Perspektiven verschmilzt. Ist also die Realität, in der wir heute leben, ein riesiges Computerspiel geworden und wird sie zunehmend von suchtgetriebenen Subjekten determiniert, die kaum in der Lage sein dürften, die Auswirkungen ihres Tuns zu kontrollieren?

Wie ein großes Trostpflaster wirkt angesichts dieser Schreckensvision das noch tiefer in den Kulissen versteckte Bild eines Rhinozeros aus dem Nürnberger Zoo, das einerseits die bedrohten Wunder einer artenreichen Fauna in Erinnerung ruft, die sich nicht auf Zahlen reduzieren lässt, und andererseits einen historischen Bezug zur Frühphase der Aufklärung herstellt, als ein Albrecht Dürer noch von der bloßen Erzählung dieser Tierart derart fasziniert war, dass er eine Zeichnung davon anfertigte. Ihm zur Erinnerung hält der Zoo nun das exotische Tier und in seiner mit Projektionen aufgeladenen Fremdheit könnte man ein Mittel vermuten, dem entfesselten Todestrieb etwas entgegenzuhalten.

Es könnte aber auch genau umgekehrt sein, dass das illustre Tier nur eine ultimative Trophäe darstellt, oder als Objekt eines Begehrens fungiert, in dem sich der historische Künstler, der Tierparkbesucher und der zeitgenössische smarte Banker treffen: Ein exotischer Fetisch, der den Mangel einer krisenhaften Realität kompensiert. Das Arrangement ruft also ganz akute Komplikationen auf und stellt ein modernes Modell dar, sie zu lösen. Womöglich ist aber die entscheidende Option, was die Ausstellung auch nahezulegen scheint, die der Zurückweisung eines illusorischen Versprechens.

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Michael Hauffen

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